Agilität ist Respekt und Chefs sind nur Moderatoren, sagt Jürg Stuker

Die agile Softwareentwicklung hat seit Ende der 1990er Jahre eine zunehmende Popularität erfahren. Ich durfte Jürg Stuker, Partner und CEO von Namics, im Gast-Interview befragen, warum Agilität ein zukunftsweisender Ansatz ist, der nicht nur das Programmieren und die Technologie, sondern auch die Informationspolitik und Unternehmensführung betrifft.

Das Agile Manifest hält unter anderem an den folgenden Werten fest: Menschen und Interaktionen sind wichtiger als Prozesse und Werkzeuge. Eingehen auf Veränderungen ist wichtiger als das Festhalten an einem Plan. Jürg, kannst du diese Werte nachvollziehen und warum?

Jürg: Projekte leben nicht im luftleeren Raum, aber in der Welt, die wir nur allzu gut kennen – eine Welt, in der Veränderung häufiger ist als Stillstand. Das Festhalten an einer Planung, die vor Monaten gemacht wurde, ist einfach kein guter Lösungsansatz für ein dynamisches Zielumfeld. Ausserdem sind viele der Prozesse, die das Ziel hatten, Softwareentwicklung wiederholbar zu machen, nachweislich gescheitert. Evolutionäre Entwicklung mit einem strengen Fokus auf „working code“ anstelle von Denkmodellen aus der Standards-Abteilung hat viele Vorteile.

Was bedeutet Agilität für dich und welche Unternehmens- und Lebensbereiche betrifft sie?

Jürg: Sachen zu tun, wenn sie da sind! Nicht der Plan selbst stellt die Zielerreichung sicher, sondern die Arbeit hin zum Ziel und kreative Ansätze, um den Weg zu optimieren. Im Firmenumfeld muss ich nicht die Marge, sondern die Rahmenbedingungen definieren, um eine gute Marge erreichen. Denn: Wertschätzung kommt vor Wertschöpfung. Agilität hat sehr viel mit der Übertragung von Verantwortung und somit mit Respekt zu tun. Das ist das beste Rezept für geteilten Erfolg. In allen Lebensbereichen.

Jürg Stucker, CEO und Partner von Namics

Wissen Mitarbeiter mehr als die Chefs? Und wenn ja, welche Rolle spielen die Chefs dann noch?

Jürg: Dave Winer hat mit dem fundamentalen Konzept der Unconference den Nagel auf den Kopf getroffen: „The sum of the expertise of the people in the audience is greater than the sum of expertise of the people on stage“. Gibt es irgendeinen Chef auf der Welt, der meint, mehr als seine Mitarbeiter zu wissen? Hoffentlich nicht! Diese Erkenntnis mit einer Prise moderner Kommunikation gewürzt und der „Chef“ wird zum Moderator, der sich nur dann in die erste Reihe stellt, wenn es unbedingt einen Leader braucht. Nach meiner Erfahrung sind diese Augenblicke sehr selten – vorausgesetzt man ermöglicht den Leuten eigenständige Entscheidungen und Vorgesetzte entmündigen sie nicht durch Mikromanagement.

Was hältst du von Unternehmen mit einer restriktiven Informationspolitik? Stehen solche Restriktionen im Gegensatz zum agilen Prinzip und haben sie langfristig eine Zukunft?

Jürg: Agilität und eine restriktive Informationspolitik widersprechen sich nicht, sind aber potentiell zwei Kulturen, die man selten zusammen findet. Dies, weil das Zurückhalten von Information dezentrale und eigenständige Entscheidungen erschwert. Sehr wichtig erscheint mir die bewusste Entscheidung, welche Information schützenswert ist und welche nicht. Ausgangslage muss das Positivprinzip sein, bei dem alles geteilt und der Zugang zu Information nur in begründeten Einzelfällen eingeschränkt wird. Alles per se zu verstecken ist für mich meist ein Zeichen von Führungsschwäche. Man will sich der Diskussion nicht stellen.

Das agile Management wird mit dem Tod des 5-Jahresplans gleichgesetzt. Müssen Unternehmen und Strategen auf viel kürzere Zeitspannen fokussieren?

Jürg: Ja. Oder wer glaubt die Rahmenbedingungen eines Unternehmens in fünf Jahren einschätzen zu können?

Information will frei sein. Doch wie kann eine Steuerung gewährleistet werden?

Jürg: Ist Steuerung nicht der Irrglauben, Sachen zu reglementieren, die sich nicht reglementieren lassen? Steuerung funktioniert auch – oder in meiner Welt sogar besser – mit Spielregeln, Vertrauen und Vorbild.

Hängt Agilität mit Innovation zusammen?

Jürg: Direkt nein und indirekt ja. Innovation kann auch methodisch erarbeitet werden. Aus meiner Sicht tummeln sich in der agileren Welt aber per se kreativere Leute, die eher bereit sind, sich auf unsicheres Terrain zu begeben und über den Tellerrand zu schauen. Hier ist Innovation halt einfach näher.

Abstimmungshierarchien funktionieren in einer vernetzten Welt nicht mehr zu 100%, hast du mal gesagt. Warum? Gehört das zur Agilität dazu?

Jürg: Das hat mehr mit der heute verbreiteten, vernetzen Kommunikation zu tun. Sobald Leute nicht mehr hierarchisch kommunizieren und Monologkommunikation nicht mehr ankommt, orientieren sich Leute auch lateral. Und Abstimmungshierarchien, in der Schweiz auch Dienstweg genannt, entsprechen nicht der Kommunikationskultur in Dialogmedien die ihren Siegeszug bereits angetreten haben.

Und zum Schluss: Ist der Kulturwandel unumkehrbar? Werden alle Unternehmen früher oder später das agile Prinzip in der einen oder anderen Form übernehmen (müssen)?

Jürg: Sicherlich wird sich irgendwann eine andere Kultur etablieren und eventuell schaffen es einige Unternehmen auch eine Entwicklungsstufe zu überspringen. Viele Aspekte pendeln hin und her. So möglicherweise auch die Akzeptanz agiler Vorgehensweisen. Zudem gibt es auch deutliche Länderunterschiede.

Danke Jürg für das interessante Interview. Ich würde mich freuen, wenn ich dich auch in Zukunft zu diesen und anderen spannenden Themen befragen kann und unsere Leser damit beglücken kann.

 

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