Banking als Netzwerk

Was Banking mit Hotels zu tun hat? Und mit ICT? Das Kerngeschäft der Schweizer Banken, die Vermögensverwaltung, ist im Umbruch. Wie ICT dabei helfen kann – nicht nur mit Technologie, sondern auch mit Ideen.

Ich mag Sprache in Bildern. Vielleicht, weil ich früher mal einen Chef hatte, dem man alles Technische erklären konnte, so lange man es mit Geschichten aus der Welt der Autos erzählte. Aber jetzt versuche ich mal, das heute übliche Banking und dabei speziell die Vermögensverwaltung mit einem Hotel zu erklären.

Ich buche Ferien (oder einen Geschäftsaufenthalt) in einem Hotel. Freundlicher Empfang, schöne Zimmer. Abends esse ich im Hotelrestaurant, wirklich gut. Am nächsten Tag einen Ausflug – vom Hotel empfohlen und durchgeführt. Ich möchte nun mal auswärts essen – das Hotel besorgt das Essen, will es aber im eigenen Restaurant servieren. Ich möchte am Strand schwimmen, aber ein Wächter warnt mich vor Gefahren und verweist mich an den Pool. Bald merke ich, dass ich das Hotel nicht verlassen darf, solange ich mein Zimmer behalten will. Das Hotel wird zum Albtraumhotel!

Old Bank Hotel (Oxford, England)

Nun zur Bank: Ich möchte mein Geld anlegen, freundlicher Empfang, gute Depot-Leistungen. Produkte beziehe ich von der Bank, oder sie werden von Partnern erbracht (sogenannt „offene Produkt-Architektur“). Ich kann aber weder eine andere Bank noch einen Berater oder Kollegen in mein Depot schauen lassen (online, kontinuierlich), Vorschläge machen und mich auf Risiken hinweisen lassen. Auch darf ich nicht einen Teil meines Geldes auf dem Bankkonto  von jemandem anderen verwalten lassen. Wenn ich von einem tollen Aktie oder Fonds höre, kann ich ihn nicht in mein Depot legen, und trotzdem die Bank die Währungsverteilung überwachen lassen.

Wenn ich all dies will, muss ich viel Arbeit selbst übernehmen, Daten zusammentragen und analysieren; der Komfort reduziert sich dann auf das Niveau des Zeltplatzes.

Die Rolle der ICT

Was hat dies mit ICT zu tun? Einerseits sind Finanzinstitute in der Schweiz grosse Nutzer von ICT, andererseits können Ideen aus der ICT zur Lösung beitragen.

ICT schafft eine Reihe von Möglichkeiten:

  • Mobilität, ich kann alles von unterwegs machen. Mobiles Bezahlen hat sich in der Schweiz im Gegensatz zu Emerging Markets und Kanada noch nicht durchgesetzt, vielleicht weil  unsere Zahlungsmöglichkeiten bereits heute weitgehend sicher und problemlos sind.
  • Vergleichbarkeit: Dienstleister können Tarife und Konditionen von Anbietern sammeln und mit meinen Bedürfnissen vergleichen. Dies ist meist eine einmalige Angelegenheit; die Aufteilung der Aufgabe auf mehrere Anbietern ist beschränkt, da diese nicht auf der Plattform zusammen arbeiten.
  • Evaluation: Finanzgeschäfte (z.B. Anlagen) können mit andern verglichen und evaluiert werden.  Meist ist aber der dazu notwendige Datentransfer mit einem grossen Aufwand verbunden.
  • Social Media: Ich kann mich nicht nur von Profis, sondern auch von Leuten aus meinem Bekanntenkreis beraten lassen. Geld kann auch direkt in einem sozialen Netzwerk angelegt und geliehen werden.
  • Die Dienstleistungserbringer können ihre Arbeiten verteilen und damit industrialisieren (wie das Hotel, das z.B. die Reservationszentrale oder die Wäscherei von ausserhalb bezieht). Die ICT verknüpft dabei die Dienstleister in einem Netzwerk.

Vermögensverwaltung als Stärke der Schweiz

Die Schweiz ist stark in der Verwaltung von Vermögen.  Dies ist die Kernkompetenz der Schweizer Finanzindustrie – nicht Zahlungen oder Kredite! Durch den effektiven Wegfall des Bankgeheimnisses, durch Regulierungskosten und durch die niedrigen Renditen ist dieses Geschäft so stark unter Druck wie damals die Uhrenindustrie durch die Verbreitung der günstigen Quarzuhr (einer Schweizer Erfindung). Die Uhrenindustrie hat ihr Geschäftsmodell geändert, und ist heute wieder führend, denn sie hat neue Kundenschichten erschlossen.  Kann dies die Vermögensverwaltung auch? Könnte die ICT z.B. mit ihren (sozialen) Netzwerken dazu beitragen?

Social Finance und Crowd Finance?

Die meisten Kunden bevorzugen anscheinend Profis, um ihr Geld zu verwalten. Eine führende Schweizer Online-Bank hat heute für ihr online Private-Banking Angebot noch weniger als Tausend Kunden. Social Banking hat im Vergleich zum traditionellen Banking noch verschwindend kleine Volumina.

In den nächsten 10 Jahren ist die „Crowd“ in der Geldanlage noch nicht mehrheitsfähig – eine Generation später vielleicht aber schon.

Netzwerk von Leistungen, neutral verknüpft

In der Zwischenzeit könnte die Vermögensverwaltung gestärkt werden, in dem in einem offenen, neutralen Netzwerk Profis und auch ausgewählte soziale Kontakte  auf das Vermögen zugreifen und es verwalten können.

Ohne die Bank zu verlassen oder Geld zu transferieren, könnte ein Teil des Vermögens andern Profis zu Verwaltung oder auch nur zur Prüfung der optimalen Verwaltung gegeben werden. Vor einem Entscheid könnte mit diesem Vermögen und den Randbedingungen des Kunden Simulationen über längere Zeiten gemacht werden – neutral von einem Dritten geprüft.  Die Hausbank des Kunden könnte seine Vermögensaufteilung („Asset Allocation“) besorgen, ein Kollege, der sich auskennt, könnte dann den Aktienanteil anlegen, wieder überwacht von der Bank, die dafür bezahlt wird.

Die Anbieter würden mir mit Policies (dynamisch auf den Zweck zugeschnittene Kataloge von Anforderungen und Leistungen) mitteilen, welchen Zugriff sie brauchen, was sie leisten und was es kostet (hoffentlich mit Varianten).

Im Zentrum ist immer mein Geld: Darum herum die Leistungen, die sich um einzelne Aspekte und Teile meines Geldes kümmern:

Sketch eines Portfolios im Netzwerk

Sketch eines Portfolios im Netzwerk

 

Der Anleger kann dann frei entscheiden und die Zugriffe und Aufträge erteilen. Einzelne Anbieter können durchaus Mindestlaufzeiten verlangen oder vorschreiben, dass Konkurrenten nicht in das Portfolio schauen dürfen – dies ist ok, so lange das Netzwerk diese Einschränkungen kennt und dem Anleger transparent darstellt, so dass er eine Wahl hat.  Die Anbieter müssen nicht nur Maschinen sein – einzelne Arbeiten können durchaus auch manuell erfolgen, aber auch wieder transparent dargestellt und verrechnet.

Dienstleistungen als „Apps“ im offenen, kontrollierten Netz

Das Netzwerk kümmert sich neutral um die Zugriffe und stellt sicher, dass die Dienstleistungen (Services, ähnlich wie „Apps“) die Policies befolgen. Ich könnte damit mein Geld dem Steueramt offenlegen, wenn ich will, und mit einer App sogar einen Teil meiner Steuererklärung ausfüllen lassen. Der Bank kann ich dann (vom Netzwerk geprüft) mitteilen, dass das Geld versteuert ist, was der Bank die entsprechende Prüfung erspart (und sie die Kostenersparnis weiter geben kann):

Services im Netz

Services im Netz

 

Dieses Netzwerk von Beratung, Anlagen, Überwachung und Reporting wäre dynamisch, wie die Cloud in der ICT. Die Dienstleistungen können auf einander aufbauen, und beliebig zusammen gesetzt werden (Composability, wie in meinem früheren Post The Good Old Cloud erläutert)

Das Netzwerk als Zukunft?

Wir ein Netzwerk die Zukunft der Vermögensverwaltung sein? Ich weiss es nicht. Sicher ist aber, dass sich die Wertschöpfungsketten von Industrien unter Druck verändert haben und dabei durch radikal günstigere Preise oder bessere Angebote meist neue Kundenschichten gewinnen konnten. Wenn eine Vermögensverwaltung statt 1-2% pro Jahr nur noch 0.2% (alles inklusive) kostete, könnten weltweit viele Neukunden gewonnen werden.  Potentielle Kunden, die heute den Banken misstrauen, da sie glauben, „viel Geld ziehe grosse Gier mit sich“,  wären in einem multi-polaren Netzwerk, in dem verschiedene Agenten ihre Leistungen gegenseitig überprüfen können, besser aufgehoben.

In den letzten 30 Jahren spielte die ICT bei diesen Veränderungen eine herausragende Rolle. Schön wäre es, wenn die Schweiz in der Vermögensverwaltung ihre Pole-Position nutzen und die Veränderung gestalten könnte.