Previous Post

Open Source mit Prof. Stefan Keller (Interview)

In Anbetracht unseres Themenmonats September habe ich die Chance genutzt, um mit Prof. Stefan Keller, einer meiner Professoren an der HSR Hochschule für Technik, ein Interview zum Thema “Open Source” durchzuführen.

Prof. Stefan Keller ist Dozent für Datenbanken und Informationssysteme an der HSR Hochschule für Technik Rapperswil. Ursprünglich auf der Suche nach einem Datenbanksystem, das die Studenten auch “nach Hause nehmen” konnten, stiess er auf PostgreSQL. Mit PostgreSQL fand er ein Produkt, das den SQL-Standard konsequent umsetzt und gleichzeitig noch frei verfügbar ist. Von da an beschäftigte er sich intensiv mit Open Source Software.

Aktuell ist Stefan Keller unter anderem Mitglied im Organisationskomitee der Swiss Postgres Conference und hat dieses Jahr auch die erste Konferenz an der HSR organisiert.

Des Weiteren beschäftigt sich Prof. Keller für Themen rund um Geoinformationssysteme (GIS), so ist er heute u.a. auch Mitglied des Schweizer GIS-Dachvereins und der Swiss OpenStreetMap Association. Und nun zum Interview:

Prof. Stefan Keller mit dem einzigen PostgresSQL Elefant Plüschtier der Schweiz
Prof. Stefan Keller mit dem einzigen PostgresSQL Elefant Plüschtier der Schweiz

Prof. Keller, was motiviert Sie, Open Source Software zu unterstützen?

Die universitäre Arbeit lässt sich meines Erachtens gut mit den Rahmenbedingungen von Open Source Software vereinbaren. Institute – wie auch unser Institut für Software – haben einerseits den Auftrag, Dienstleistungen inkl.  Weiterbildung anzubieten und andererseits, Forschung zu betreiben.

Bei Open Source muss man zwei Dinge trennen: einerseits gibt es ein Lizenz-Modell, das vorschreibt, wie der Quelltext verwendet werden darf, und andererseits gibt es ein Business-Modell. Dadurch bietet sich die Möglichkeit, eine Dienstleistung anzubieten und die daraus gewonnenen Erkenntnisse zurück ins Open Source Projekt fliessen zu lassen. Oftmals wird zuerst geforscht und später kommt dafür Interesse aus der Industrie auf. Die Ergebnisse werden natürlich dem Open Source Projekt zurückgegeben, gleichzeitig können wir auf dem Gebiet Erfahrungen aufbauen und sind so in der Lage, dieses Know-How auch als Dienstleistung weiterzugeben. Für ein Polizeikorps beispielsweise, hat das Institut die Daten von OpenStreetMap (OSM) mit sogenannten Point of Interests (POI) aufgewertet und die Erkenntnisse daraus danach wieder der Community zurückgegeben.

Ein weiterer positiver Aspekt für diese Art der Dienstleistung ist, dass wir die keine Supportverantwortung übernehmen müssen, da alle Errungenschaften, die durch die Dienstleistung gewonnen wurden, gleich wieder zurückfliessen. Dies ist ideal, da das Institut über keine entsprechende 24×7-Support-Infrastruktur verfügt, die diese Aufgabe stemmen könnte.

 

Was sind die grossen Herausforderungen in Open Source Projekten?

Es reicht nicht mehr aus, zu wissen, wie man einen Wikipedia-Artikel oder ein GitHub-Repository bedient. Vielmehr muss man sich in ein Projekt hineindenken, da jedes Projekt seine eigenen Regeln und Dynamik hat.

Bei PostgreSQL beispielsweise werden alle Bugs, Patches und Features über eine Mailingliste verteilt und diskutiert. Auch das Issue-Tracking wird via Mailingliste gehandhabt. Am Ende wird in einem „Commit Fest“ ein neuer Release zusammengestellt.  Das mag altmodisch sein, hat sich aber bewährt lange bevor es Github und Redmine gab.

Weitere Faktoren für ein erfolgreiches Open Source Projekt sind die kritische Masse an Nutzern und Unterstützern als auch die Qualität der Dokumentation. Die PostgreSQL-Dokumentation finde ich beispielsweise ideal, während ich jene von OSM im Wiki eher als unstrukturiert empfinde. Die Lernkurve von OSM stufe ich vergleichsweise steil ein im Vergleich zu Wikipedia und empfehle daher Stammtische, wie den OSM-Stammtisch in der bQm-bar der ETH Zürich.

 

Wie schätzen Sie Open Source Projekte als Alternativen zu kommerziellen Angeboten ein?

Die Akzeptanz von Open Source ist bei den grossen Industriefirmen sehr hoch.

Und OSM hat im Open Data-Bereich eine hohe Qualität erreicht. Wir selbst haben mehrere Tests durchgeführt. Der Vergleich von Google Maps und OSM Routen bei 200 Autostrecken in einer innerschweizerischen Region zeigte auf, dass sich die Routen zu 98% decken. In Anbetracht dieses Ergebnisses werte ich die Qualität von OSM zur Konkurrenz als vergleichbar.

In Bereich von Gebäudeadressen hat OSM aber noch nicht zur Konkurrenz aufgeschlossen. An dieser Lücke wird unter Hochdruck gearbeitet, so dass sie spätestens in drei Jahren geschlossen sein dürfte.

 

Was denken Sie zu Apple, Garmin und Co., die OSM als Alternative zu anderen Kartendiensten verwenden?

Bei der Verwendung von Open Source und Open Data muss man sich selbstverständlich an die Lizenz halten. Davon sind auch die Grossen nicht gefeit: Apple stellte seine eigene Karten-App auf das Material von OSM um, deklarierte dies aber nur ungenügend. Dies sorgte natürlich für entsprechenden Aufforderungen der OSM-Community an Apple das zu ändern.

Natürlich darf man mit Open Source Geld verdienen. Beispielsweise bündelt SUSE Linux ausschliesslich frei verfügbare Software zu einer Linux Distribution und bietet dieses Paket dann u.a. als Betriebssystem openSUSE auch zum Kauf an. Wie diese Modelle funktionieren, haben Matthias Stürmer und Matthias Günter an der oben erwähnter Swiss Postgres Conference  in ihrem Talk zu Subskriptionsmodellen erläutert.

Man darf für Open Source und Open Data zwar Geld verlangen, ich möchte aber nochmals deutlich daran festhalten, dass je nach Lizenz die Resultate daraus der Community wieder frei verfügbar gemacht werden.

 

Gibt es Unterschiede zwischen Open Source in der Schweiz und dem Rest der Welt?

Ich kann eigentlich keine Unterschiede feststellen. Eine regionale Grenze kann man schlecht ziehen, da viele Projekte schnell international werden. Die Voralberger QGIS-Community beteiligt sich beispielsweise an der QGIS Anwendergruppe Schweiz, da diese für sie einfach näher ist. Und OSM ist aus Prinzip überregional und international.

 

Was kann man von Open Source lernen?

Jedermann kann den Code einsehen und sogar Änderungen daran vornehmen. So kann die Verantwortung zu einzelnen Codeabschnitten aufgeteilt werden mit dem Resultat, dass das Kollektiv des Projekts die Gesamtverantwortung übernimmt.

Die angesprochene Transparenz des Codes kann auch hervorragend als Visitenkarte einzelner Entwickler verwendet werden. Bei einzelnen Bewerbungen lege ich heute auch grossen Wert auf die Open Source Aktivitäten des Kandidaten. So sehe ich mir beispielsweise das GitHub-Profil an falls vorhanden und erhalte gleich einen Ersteindruck, ohne den Kandidaten dazu in ein Assessment schicken zu müssen.

 

Was denken Sie zu den vielen unterschiedlichen möglichen Lizenzen, die heute verwendet werden?

Auch ich habe noch Schwierigkeiten, mich im Lizenz-Dschungel zurecht zu finden. Es gibt verschiedene Seiten, wie beispielsweise github.com oder choosealicense.com, die helfen können. Immer mehr grosse Firmen stellen eigens Mitarbeiter ein, die sich um die Einhaltung von Open Source Lizenzen kümmern.

Für mich persönlich mache ich gerne die Unterscheidung zwischen “viral” und “nicht-viral”. Eine „virale Lizenz“ ist beispielsweise eine strenge Lizenz, wie GPL eine ist. OSM verwendet einer Art GPL, daher ist man verpflichtet, alle Ergebnisse daraus dem Projekt zurückzugeben. Diese Lizenz macht in meinen Augen nur Sinn, wenn es viele Projektunterstützer gibt. Nicht-virale, liberale Lizenzen sind LGPL oder MIT sein, die auch in PostgreSQL verwendet werden. Die Rückgabe von Ergebnissen ist bei diesen Lizenzen nicht zwingend. Beide Modelle haben natürlich ihre Vor- und Nachteile.

 

Prof. Keller, vielen herzlichen Dank für die Zeit und das spannende Interview. Zu guter Letzt möchte ich noch gerne auf diese Events verweisen:


Reply to a comment

Your E-Mail-Address will not be published, neither forwarded. Required fields are marked *

Next Post