SeitenWechsel – zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Die Pflege rapportiert im Fachspital Sunne-Egge: der Patient wirkt verwirrt, Verhalten agitiert, somatisch schlechter Zustand, unruhiger Schlaf, Polytoxikomanie; 700mg Telzir, 100mg Novrir, 100ml Methadon, 15mg Seresta, Folvite, Motilium und Valverde Schlaf aus der Reserve. Ich verstehe nur Bahnhof…

Im Rahmen meiner persönlichen Weiterentwicklung bin ich dieses Jahr auf das Programm SeitenWechsel gestossen, das Swisscom im Rahmen der Social Corporate Responsibility unterstützt. 5 Tage in einer sozialen Institution. Weiterbildung in Führungskompetenz. Entschieden hab ich mich für einen Einsatz im Sune-Egge, das Fachspital für Sozialmedizin und Abhängigkeitserkrankungen der Sozialwerke Pfarrer Sieber. Die niederschwellige Institution arbeitet für die Schwächsten unserer Gesellschaft, das heisst akutmedizinische, psychiatrische und palliative Behandlung und Pflege von Erwachsenen aus dem Sucht- und Obdachlosenmilieu.

Eingang

Am ersten Tag werde ich von der Verwaltungsassistentin Claudia in meine bevorstehende Woche eingeführt. Ich lerne Susy vom Sozialdienst kennen. Von ihr erhalten die Patienten professionelle Hilfe zur Bewältigung ihrer sehr stark beeinträchtigten sozialen Lebenssituation. Grosse Probleme bereitet das Plazieren resp. die Suche nach einem geeigneten Wohnraum als Anschlusslösung nach dem Austritt, z.B. begleitetes Wohnen. Langsam finde ich mich im fünfstöckigen Labyrinth zurecht. Physiotherapie da, Malatelier dort und im ersten Stock der Kaffeeraum und die Küche. Es riecht schon verführerisch nach einem feinen Curry!

Am Dienstag geht’s auf die Pflegestation. Fränzi in der Loge wacht über Zutritte, verbindet telefonisch Gesprächspartner und ist für viele erste Ansprechperson und Auffangbecken. Nach dem Morgenrapport werden die Patienten sanft geweckt, Medikamentenausgabe und Besprechung der Patientendossiers mit Roman, dem leitenden Arzt. Die medikamentöse Einstellung ist ein zentrales Thema. Mittlerweile realisiere ich wie Dokumentenlastig hier noch gearbeitet wird. Unzählige Listen und Formulare werden befüllt, Diagnosen und Befunde herumgereicht, Abrechnungen abgelegt, kaum lesbare Faxe entziffert etc. Im Gang fällt mir ein altes Wandtelefon auf, das hier noch seinen Dienst verrichtet.

wandtelefon

Swisscom könnte doch eine Lösung anbieten zur Mobilisierung der Geschäftsprozesse! E-Health 2.0: Mit einem iPad die Messwerte erfassen, Fotos machen, Informationen austauschen oder bei Bedarf Alarm auslösen.

Eine Patientin verweigert das Wechseln des Wundverbands. Zurück in der Realität: nun ist Verhandlungsgeschick und soziale Kompetenz gefragt. Stationsleiter Didier weist mich am Ende der Schicht darauf hin, wie wichtig Strukturen und Regeln sind und welche Wirkung Sanktionen wie ein 24h Timeout erzielen sollen. Wir sprechen auch über Suchtprobleme am Arbeitsplatz. Und Überraschung: Didier hätte Interesse an einem Seitenwechsel bei Swisscom!

akten

Der dritte Tag führt mich in die Pflegestation Egg zu Alexander, Muriel und Monika. Die Einrichtung für Langzeitpflege ist kleiner und weniger hektisch, der Pflegealltag aber genauso anspruchsvoll. Am Nachmittag unternehmen wir einen Ausflug auf den Juckerhof. Die Kürbisausstellung begeistert und lässt uns kurz den medizinischen Alltag vergessen. Ich habe genügend Zeit für Gespräche mit den Patienten. Die einzelnen Lebensgeschichten stimmen mich nachdenklich.

jucker

Der Donnerstag beginnt früh um 07:00 Uhr. Küchenchef Christian und Alex erklären mir die Abläufe im Restaurant und das geplante Menu. Trolley im Keller beladen mit Cash & Carry Sortiment und dann heisst es Gemüse rüsten und nochmals rüsten, Saucen ansetzen, Fleisch anbraten etc. Es gibt Vol-au-vent mit Gemüsereis sowie ein reichhaltiges Salatbuffet. Christian ist ein Profi – das leibliche Wohlbefinden seiner Gäste ist ihm wichtig, die Präsentation der Speisen, frische und ausgewogene Zutaten. Nicht immer leicht bei knappem Budget…

kueche

Am letzten Tag begleite ich Gody, den Leiter Technischer Dienst, auf seine Tour. Nebst Fachmann für Unterhalt ist er die gute Seele im Betrieb. Ich lerne die Praxis kennen, die etliche Patienten ambulant versorgt: Vieraugenkontrolle durch Linda bei der Abgabe von Medikamenten. Den Abschluss bildet das Gespräch mit Claudia. Mein Dank geht speziell an sie für die Koordination meines Einsatzes, und ein herzliches Dankeschön an alle Mitarbeitenden für ihre Geduld und die wertvollen Einblicke, die sie mir gewährt haben!

praxis

Welche persönlichen Eindrücke zurückbleiben?

Respekt für die Mitarbeitenden, welche mit einfachen Mitteln auf engstem Raum während 7x24h komplexe Fälle bewältigen. Aber auch Respekt für die Patienten – ich habe hier Menschen kennengelernt, die wirklich hart getroffen sind vom Schicksal, den Lebensmut aber nicht verloren haben. Kurz: ein einzigartiges Spital in der Schweiz!

Was nehme ich mit in den Führungsalltag?

Teamarbeit und Kommunikation sind Schlüsselfaktoren, aktives Zuhören ist hohe Kunst, gelebte Flexibilität & Improvisation. Es geht auch langsam! Der Umgang mit Hilflosigkeit sowie meine eigene Gelassenheit. Menschlichkeit sowie Demut, Respekt und Herzlichkeit. Und das Spannungsfeld Motivation & Sanktionierung.

Last but not least: viele Leistungen müssen aus Spenden finanziert werden. Spart euch dieses Jahr die Weihnachtsgeschenke! Der Sune-Egge braucht eure Unterstützung.

Spendenkonto PC 80-40115-7