Die Aufhebung der Euro-Untergrenze – was wusste das Risiko-Management?

Konnte das Markt-Risiko-Management die Aufhebung der Kurs-Untergrenze und den Fall des Euro voraussagen? Natürlich nicht! Was aber kann das Markt-Risiko-Management für Banken tun? Und was könnten Banken für ihre Kunden tun? Und warum es noch viel ICT braucht, um das Fachwissen von Banken für den einzelnen Kunden zu digitalisieren.

Nachdem die SNB am 15. Januar die Kursuntergrenze für den Euro-Franken-Kurs aufgehoben hatte, wurden meine Kollegen und ich vielfach gefragt, ob wir das vorausgesehen hätten? Wir bauen Software für das Markt-Risiko-Management für professionelle Händler und Anleger, also müssten wir doch mit unserer Software solche Ereignisse voraussehen? Können wir nicht – natürlich nicht, denn wenn (nur) wir es könnten, wären wir jetzt wohl ziemlich reich.

Aber zu was dient denn das Risiko-Management, wenn es Ereignisse nicht voraussagen kann? Zur Vorbereitung, falls ein Ereignis eintritt. Im Gegensatz zum Sicherheitsgurt im Auto schützt das Risiko-Management alleine nicht – es sagt bloss, wie gefährdet man ist, und wie man sich schützen könnte.

Das Markt-Risiko-Management rechnet zuerst einmal, wie empfindlich eine Anlage auf eine Kursänderung reagiert – also, die Wertveränderung, wenn z.B. der Euro-Kurs von 1.20 Franken auf 1 Franken fällt. Wenn ich 1000 Euro auf dem Konto habe, ist das klar, aber für viele Finanzinstrumente erfordert es eine komplizierte Rechnerei, und z.B. für Aktien gibt es keine Formel, sondern Schätzungen, die viel Hintergrundwissen verlangen.

Wenn man nun  ein Portfolio (d.h. eine Sammlung von Investitionen z.B. in einem Depot) betrachtet, wird’s kompliziert, denn die Risiken bewegen sich nicht unabhängig, d.h., sie sind korrelliert.  Diese Korrelationen und Schwankungen kann man in der Vergangenheit erheben, und damit ein statistisches Mass finden, das den maximalen Verlust voraussagt, der mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit nicht überschritten wird. Wir können z.B. den maximal zu erwartenden Verlust mit 99% Wahrscheinlichkeit rechnen, aber mit 1% Wahrscheinlichkeit passiert dann vielleicht ein Desaster.

Deshalb werden auch sogenannte Stress-Szenarien gerechnet, zumeist historische Verwerfungen (Finanzkrise 2007, Internet-Krise, 9/11, Black Friday, usw.) und deren Auswirkungen auf das Portfolio hier und jetzt angewandt. Damit gibt man die Korrelationen und Schwankungen der Vergangenheit zu Gunsten von wirklichen Ereignissen auf. Das völlig unerwartete, noch nie dagewesene Ereignis, das von niemandem auch nur geahnt wird, der sog. Black Swan, ist damit nicht abgedeckt.

Aber war der 15. Januar ein “Black Swan”? Keineswegs, denn die SNB hat immer gesagt, dass die Massnahme zeitlich begrenzt sei. Der Zeitpunkt kam allerdings überraschend (der Tag, an dem alle mit der Massnahme gerechnet hätten, wäre ein gänzlich ungeeigneter Tag gewesen).

Ich denke, dass die meisten Banken dieses Stress-Szenario häufig durchgerechnet haben und deshalb gut wussten, was mit ihren eigenen Investments geschehen würde, und wieviel Risiko sie nehmen können. Haben sie das aber auch für ihre Kundenportfolios getan? Das wäre für die Bank wichtig, wenn der Kunde Schulden (z.B. eine Hypothek) bei ihr hat.

Es wäre aber vor allem auch für die Kunden interessant gewesen! Zum Beispiel Ende 2014  eine Information wie:

 bei einem Euro-Kurs von 1.0 verliert ihr Depot voraussichtlich etwa 10% an Wert in Franken – online können Sie eine Versicherung dagegen rechnen lassen und bei Bedarf bei uns abschliessen. Diese Vorausssage beruht auf Annahmen, diese können Sie online einsehen und ändern und so eine Versicherung gemäss Ihren Wünschen abschliessen.

Dazu müsste die Bank natürlich die ganze finanzielle Situation des Kunden kennen, inklusive das geerbte Ferienhäuschen auf der Insel im Euro-Raum… Auch wenn Bankkunden dies möchten, können sie heute der Bank nicht in vernünftiger Form mitteilen, was sie sonst noch an Finanzen haben – die Bank kann sie so gar nicht vollständig beraten.

Die Aufhebung der Kursuntergrenze des Euro war ein spezielles Ereignis, das viele betrifft. Es ist aber nur ein Bespiel dafür, dass das Experten-Wissen der Banken nicht effektiv für den Kunden nutzbar gemacht wird. Helfen kann die digitalisierte Anwendung von Expertise durch ICT, die eine neue Zusammenarbeit von Bank und Kunde ermöglicht. Die Behandlung des Kunden als Individuum [Die granulare Gesellschaft],  anstelle einer groben Kunden-Kategorie, für die ein Fact Sheet erstellt wird, bleibt eine grosse Herausforderung für die ICT der Banken.