Wieso Herkules heute virtualisieren würde

Virtualisierung ist abstrakt und kaum fassbar – eben virtuell. Ihre Wirkung ist jedoch mächtig wie Herkules. Sie ist die Lebensader der Cloud und bald auch des Datennetzes. Nicht von ungefähr steht der vermutete Wortursprung von Virtualisierung für Tapferkeit, Kraft und Tugend.

Lange war Hardware im Normalfall minimalst ausgelastet und wartete geduldig auf einen Peak. Es war, als hätte Herkules Kräfte für zehn, würde diese aber nur einmal in fünf Jahren gebrauchen. Die restliche Zeit wäre ihm selbst die einfache Kraft zu viel. Dank Virtualisierung könnte Herkules heute seine gesamte zehnfache Kraft permanent nutzen und sogar auf verschiedene Nutzer aufteilen. Das Beste: Jeder, der ein Teil davon nutzt, hat das Gefühl, selbst Herkules zu sein. Klingt zu gut, um wahr zu sein? Genau nach diesem Prinzip funktioniert die Virtualisierung in der Cloud.
Die Virtualisierung trennt die Software wie Applikationen oder Betriebssysteme von der Hardware und paketiert sie in einheitliche virtuelle Bausteine à la Lego. Diese Bausteine sind nicht physisch, sondern ein Stück Software. Das macht sie mächtig wie Herkules. Sie lassen sich als virtuelle Legosteine beliebig verschieben, betreiben, verändern und wieder kombinieren – unabhängig von der Hardware. So wird aus der Kraft eine Tugend, um Ressourcen optimal zu nutzen. Man kann Hardware viel besser auslasten. Das gleiche Prinzip hält nun auch Einzug in das Netz: Die Funktionen von Router, Firewalls oder Switches werden ebenfalls in Form von Software virtualisiert.
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Bisher ohne Virtualisierung: Viel Hardware, die sich langweilt, da sie kaum augelastet ist (Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=OC0FSYFicpA).
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Mit Virtualisierung: Die Funktionen wie Router, Firewall oder Switch wandern in die virtuelle Umgebung (VM), es braucht nur noch eine Standard-Hardware statt sechs dedizierte Einzelgeräte. Der Server ist besser ausgelastet, das spart Kosten und Energie (Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=OC0FSYFicpA).

Hype oder Hypervisor?

Je nach Ressourcen eines Geräts verschiebt man diese virtuellen Legosteine beliebig zwischen Geräten hin und her. Der Anwendung ist das egal, wer ihr Wirt ist, solange ihr Glas voll ist. Sie wird sowieso getäuscht und glaubt daran, alleinige Nutzerin zu sein. Für die Ressourcenzuteilung und als Schnittstelle zwischen den beiden ist der sogenannte Hypervisor verantwortlich. (Der Autor muss da unweigerlich an seine Jugend denken: https://www.youtube.com/watch?v=7Twnmhe948A)

Die Virtualisierung, welche übrigens bereits in den frühen 1960ern entstand, um Ressourcen besser auszulasten, ging mit dem Personal Computer etwas vergessen. Erst in den 2000er Jahren machte ein Startup von sich reden, als es sich wie Herkules mit viel Tapferkeit aufbäumte. Die grossen Player fanden wenig Gefallen daran, Ressourcen auf Geräten besser zu nutzen, man wollte ja Hardware verkaufen. Es war ein Millionengeschäft. Die Cloud war noch sehr teuer, jeder bunkerte eigene Server im Keller. Von den damaligen Preisen können Verkaufer heute nur noch träumen. Das erwähnte Startup macht heute übrigens sechs Milliarden Dollar Umsatz pro Jahr.

Die Virtualisierung ist die Lebensader der Cloud

Heute wären die vielen digitalen, alltäglichen Dienste ohne Virtualisierung undenkbar. Die Virtualisierung ist zur Lebensader der Cloud geworden und die Cloud zur vitalen Infrastruktur. Gemäss dem Marktforscher Gartner hat beispielsweise die Amazon Cloud die zehnfache Rechenleistung der kombinierten 14 nachfolgenden Anbieter. Für nächstes Jahr schätzt Gartner, dass weltweit 240 Milliarden Dollar in die Cloud fliessen werden. Die Virtualisierung ist für das digitale Zeitalter das, was anfangs des 20. Jahrhundert das Fliessband für die Automobilindustrie war. Ein neues Werkzeug, um effizienter zu produzieren.

Schön und gut, was heisst das nun für das Netz?

Was hat nun Virtualisierung  mit dem Netz zu tun? Alles! Alles wird virtualisiert werden. Nach der Cloud virtualisiet Swisscom auch ihre Netze: Statt Router, Firewalls und andere dezentrale Geräte virtualisiert Swisscom die Funktionen in der sogenannten TelcoCloud. Eine Bandbreitenanpassung dauert dann Minuten statt Wochen. Oder Kunden mieten Rechenleistung in der Swisscom Cloud und dank virtualisierten Maschinen können alle Ressourcen besser nutzen. Oder Kunden entwickeln ihre Applikationen in der Application Cloud, die wie eine öffentliche Werkstatt alle Werkzeuge hat, die man für sein persönliches Projekt braucht. Nicht jeder braucht eine eigene Bohrmaschine, wenn er nur vier Löcher im Jahr bohren will. In vielen Bereichen baut Swisscom Plattformen auf der grünen Wiese auf, die durchgehend digital sind – z.B. All IP als Ersatz des konventionellen Telefonnetzes. Die Serviceentwicklung ist künftig unabhängig von der Transporttechnologie. Die Virtualisierung des Netzes steht erst am Anfang – neue Services sind dann mit einem Klick sofort aktiv.

Quelle Titelbild: Hermann Luyken, via Wikimedia Commons