World Web Forum 2017: Ohne Kultur ist alles nichts wert

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Gerade in Zeiten des Umbruchs empfinden wir Menschen Neues oftmals als Bedrohung, statt als Chance. Die wohl grösste Herausforderung sind daher nicht neue Technologien, sondern zementierte Denkweisen aus einer früheren Zeit.

Das Word Web Forum wird umfangreicher und vielfältiger, aber es verliert auch den leicht subversiven, avantgardistischen Charme. Vielleicht liegt es daran, dass die Digitalisierung nun endgültig in der Politik und in den Chefetagen angekommen ist? Am ersten Tag des World Web Forum lag der Fokus der Redner auf den weichen Faktoren für eine erfolgreiche Transformation: Kultur. Bei den über 1000 Besuchern – fast vollständig aus der Chefetage – stiessen diese Tipps auf einen idealen Nährboden.

Faul und selbstverliebt

Anpassung an neue Umstände, das ist eine Voraussetzung für den Erfolg. Für die Verhaltenspsychologin Herminia Ibarra von Insead ist klar, woran das häufig scheitert: In Bezug auf ihre Netzwerke sind “Menschen generell faul und narzisstisch”. Viel zu oft würden Menschen nicht ihre Komfortzone verlassen, sondern nur den Austausch mit Gleichgesinnten suchen. Gleich und gleich gesellt sich gern – das ist allerdings schlecht für das Netzwerk. Denn seine Qualität messe sich nicht an der Grösse, sondern an dessen Fähigkeit, neu anzuknüpfen. Mehr Vielfalt führe zu besseren Resultaten. Ein geschlossenes Netzwerk hat einen ähnlichen Effekt wie die Filterblase in einer Suchmaschine: Man dreht im eigenen Saft.

Dezentralisierter Chef

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Jeff Eggers, Ex-Navy Seal und langjähriger Berater von Barack Obama, sinniert über Leadership und die Neigung von Menschen, in schwierigen Zeiten den starken, heldenhaften Figuren zu folgen. Ein Team sollte allerdings möglichst viel selbst entscheiden können, der Vorgesetzte sollte primär coachen. Mit persönlichen Beispielen aus seiner aktiven Militärzeit illustriert Eggers, wieso Selbstverantwortung in Teams mehr zählt als ein hierarchischer Führungsanspruch. Bei einem Angriff in Afghanistan hat sein Kommando beinahe zwei Soldaten verloren – nur die richtigen Entscheidungen des demokratisch geführten Rettungsteams konnten ein Unglück verhindern. 

Der gleichen Auffassung ist Michael Wade von der IMD Business School Lausanne. Führungspersonen müssten akzeptieren, dass andere im Team mehr wissen als sie. Ausserdem sollten sie in der Lage sein, ihre Meinungen zu ändern. Ein guter Chef gibt eine Vision vor und zeigt die generelle Marschrichtung an. Den Detailplan überlässt er seinen Mitarbeitern. Fragen stellen und zuhören – der Gegensatz zum klassischen Führungsmodell könnte grösser nicht sein. Die Spitze muss den ersten Schritt machen – erst dann sind die Mitarbeitenden mit dem Kulturwandel an der Reihe.

Der Mensch, ein archaisches Wesen

Tausende Menschen ziehen sich jedes Jahr für eine Woche in die Wüste von Nevada zurück und leben dort auf Zeit das Ideal einer sozialen, konventionsfreien und gleichberechtigten Gesellschaft. Jeder kann ausdrucken, was er möchte, ohne dafür bewertet zu werden. Gemeinsam bauen alle Teilnehmer an einem Ziel: einer meterhohen Holzskulptur, die am Ende abgefackelt wird. Dass der Mensch trotz Digitalisierung ein archaisches Wesen bleibt, demonstriert das Projekt “The Burning Man” nur allzu gut. Letztes Jahr zogen mehr als 67’000 Menschen dafür in die Wüste. Mariann Godell, CEO von The Burning Man, betont, was die weichen Faktoren wie Zusammengehörigkeit und gemeinsames Schaffen bewirken können.

Frust als Treiber

Sir_Tim_Berners-Lee Der geistige Vater des World Wide Webs, Sir Tim Berners-Lee, erklärt eindrücklich, was es heisst, wenn Mitarbeiter ihre Talente ausleben dürfen: Seine Vorgesetzten hätten lange Zeit gar nicht gewusst, woran sie arbeiteten. Bernes-Lee zu seiner epochalen Erfindung am CERN: “Mich trieb der Frust über das Informationsmanagement. Auf jedem Computer musste ich die Daten anders zusammenklauben.” Hyperlinks habe es bereits auf CD-Roms gegeben, wieso also nicht das gleiche Prinzip auf vernetzte Computer übertragen? Er betont besonders die Einfachheit des Konzepts. Für seine Idee hätte er schnell enthusiastische Menschen auf der ganzen Welt gefunden. Es sei der Geist einer grenzenlosen Zusammenarbeit gewesen, welcher die Leute motivierte hätte. Berners-Lee gesteht auch ein: “Wir waren naiv. Wir dachten, die Welt würde durch die Vernetzung ein besserer Ort werden.” Das Internet habe zum Beispiel mit Wikipedia grossartige Dinge hervorgebrachte, aber leider auch negative. In der aktuellen Entwicklung laufen dem WWW-Gründer besonders die Silos geschlossener Plattformen wie Facebook oder Linkedin dem Gedanken eines freien Webs zuwider.

Vier Minuten für vier Jahre

Ed Catmull, einer der Gründer von Pixar, präsentierte die wohl überzeugendsten Argumente für die Wichtigkeit von Kultur. “Das Prinzip ist in vier Minuten erklärt – aber bis es alle verstanden haben, hat es vier Jahre gedauert”, so Catmull. Er spricht über die “Verletzlichkeit von Ideen”, die es zu schützen gilt. Menschen müssten sich wohl fühlen, damit sie ihre Ideen kundtun. Bei Pixar gibt es den sogenannten “Brain Trusts”: Gruppen, die kreative Ideen in einer unvoreingenommenen Umgebung bewerten.

Blockbuster gesucht

Nach Lion King wartet Disney über mehrere Jahre auf den nächsten Blockbuster. Catmull erzählt eindrücklich die Geschichte der kulturellen Transformation, welche mit der Übernahme von Pixar durch Disney folgte. Sie hätten zusammen an der Kultur gearbeitet und Menschen eben diese Sicherheit zurückgeben, Ideen zu artikulieren. Es folgten neue Kassenschlager wie die Eiskönigin. Bemerkenswert, die Schöpfer der neuen Erfolge waren exakt die gleichen Menschen, die vorher jahrelang blockiert gewesen seien: “Die Talente waren da, man musste sie nur aufblühen lassen,” so Catmull.

Zusammenfassend fällt auf, dass Wunsch und Realität nicht immer zusammenspielen. Für Mitarbeiter und Führungskräfte sind eindeutige Werte wie Zahlen und Zahlen sowie beständige Prozesse ein einfacherer und bequemerer Anker als die Arbeit an der Unternehmenskultur und sich selbst. Die Schlussfolgerungen vieler Redner zeigen jedoch in eine andere Richtung: Kultur kann in einem Unternehmen ungeahnte Kräfte freisetzen– besonders in Zeiten des Umbruches. Und Kultur wird massgeblich von der Spitze vorgelebt.

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