Eine Vorzeigepraxis im Zeitalter der Digitalisierung

«Wer nicht digitalisiert, wird abgehängt», titelte die «Neue Zürcher Zeitung» kürzlich. Eine Berufsgattung, die dafür nur ein müdes Lächeln übrig hat, ist die der Hausärzte. Doch auch hier gibt es sie, die digitalen Vorreiter. Dr. Manuel Grahmann vom Medicum Wesemlin ist einer von ihnen.

«Digitalisierung ist Zukunft. Ohne sie wird bald nichts mehr gehen.» Davon ist Dr. Manuel Grahmann überzeugt. Der Arzt ist Co-Gründer des Medicum Wesemlin, einem modernen Zentrum für ambulante Medizin. Die Gruppenpraxis wurde hinter alten Klostermauern in Luzern errichtet und setzt in sämtlichen Arbeitsbereichen auf die neueste digitale Technik. Das macht das Medicum Wesemlin zu einem Exoten unter seinesgleichen.

Denn Arztpraxen, die auf Digitalisierung setzen, bilden heute immer noch eine Ausnahme im Schweizer Gesundheitswesen. In Zeiten von digitalen Patientendossiers und explodierenden Gesundheitskosten schwören viele Ärzte nach wie vor auf Faxkommunikation, physische Dokumentenablagen und lokale Serverlösungen.

Eine Vorzeigepraxis im Zeitalter der Digitalisierung

Das Medicum Wesemlin ist eine Vorzeigepraxis, die vor Augen führt, wohin die Entwicklung geht. «Wir haben alle Bereiche unserer Arztpraxis digitalisiert», erklärt Dr. Grahmann. «Das gilt sowohl für die gesamte Administration – zum Beispiel Qualitätsmanagement, Buchhaltung und Rechnungswesen – als auch für die Kommunikation mit unseren Patienten in Form von Mailings, IP-Telefonie oder elektronischer Krankengeschichte

 

Hausarzt Manuel Grahmann setzt in seiner Praxis auf moderne Technik und Digitalisierung.

Aber warum stellt das Medicum Wesemlin komplett auf digital um? Die Antwort ist ebenso banal wie nachvollziehbar: Zum einen hatte Dr. Grahmann schon immer eine hohe Affinität zu Elektronik im weitesten Sinne. Schon als Kind beschäftigte er sich mit dem Commodore 64 und Windows 1.0. Andererseits sparen digitalisierte Prozesse Zeit und reduzieren Kosten. Also profitiert auch jemand von der Digitalisierung, der nicht wie Dr. Grahmann ein Informatik-Fan ist. «Ich bin der Meinung, dass es heute keine besondere Affinität zu IT mehr braucht, um mit einer fortschreitenden Digitalisierung Schritt halten zu können», meint Dr. Grahmann dazu.

Den grössten Gewinn mit dem geringsten Aufwand sieht Dr. Grahmann in der Umstellung der elektronischen Befundübermittlung einiger medizinischer Institute, mit denen das Medicum Wesemlin zusammenarbeitet. Alle Berichte und Befunde werden digital ausgetauscht und papierlos weiterverarbeitet. Der Aufwand für die Einrichtung dieser Dienste sei verhältnismässig gering gewesen, resümiert Dr. Grahmann: «Die Digitalisierung hat unseren Arbeitstag deutlich effizienter gemacht. Durch die administrative Erleichterung sparen wir Kosten und schaffen mehr Zeit für unsere Patienten.»

Eine bessere Qualität in der praktizierenden Medizin

Die Faktenlage ist somit geklärt: Für ambulante Leistungserbringer birgt die Digitalisierung ein hohes Sparpotenzial. Es ist davon auszugehen, dass immer mehr Hausärztinnen und Hausärzte ihre Prozesse digitalisieren werden. Wie schnell das geht, entscheidet nicht zuletzt der Patient: «Die Akzeptanz der Patienten wird eine grosse Rolle spielen, ob Ärzte im ambulanten Sektor früher oder später mit einem elektronischen Patientendossier arbeiten und generell auf digitale Prozesse umsteigen», erklärt Andreas Zürcher, Head of Healthcare Professionals bei Swisscom Health.

In Zeiten, in denen man seine Flüge online bucht, via Smartphone einkauft und seinen Coiffeurtermin übers Web vereinbart, ist man auch im Gesundheitsbereich immer weniger gewillt, auf entsprechende Annehmlichkeiten zu verzichten. In einem digitalisierten Gesundheitswesen hat der Patient nicht nur einen sicheren Online-Zugriff auf seine Patientendaten, sondern muss auch nicht mehr wochenlang auf ein Überweisungsschreiben per Post warten oder seine Röntgenaufnahmen persönlich von Arzt zu Arzt schleppen. Die Prozesse werden insgesamt effizienter, schlanker und kürzer. Das Praxispersonal hat mehr Zeit für seine Kernaufgaben und kann sich besser um seine Patienten kümmern.

Digitalisierung ist auch nicht nur ein Thema für jüngere Praxen: «Die Digitalisierung steigert den Wert einer Praxis und damit auch die Chance, einen Nachfolger zu finden», beobachtet Zürcher. Und Dr. Grahmann ergänzt: «Natürlich beeinflusst die Digitalisierung auch unser Geschäftsmodell, denn durch die höhere Effizienz steht am Ende eine deutlich höhere Qualität unserer Arbeit. Und das bedeutet auch eine bessere Qualität unserer praktizierenden Medizin.»

Quellenangaben:
«Wer nicht digitalisiert, wird abgehängt» (NZZ, 14.11.2017)
Fotos: Boris Baldinger